Studientag „Geschlechterperspektiven in Strafrechtswissenschaften und Kriminologie“

Datum & Uhrzeit: 15. Nov 2013 , 09:00 Uhr
Veranstaltungsort: Universität Hamburg, Fakultät für Rechtswissenschaft » Wo ist das?

 

Nicht zuletzt auf Grund ihrer Nähe zu den Sozialrechtswissenschaften haben sich die Strafrechtswissenschaften im Schnittfeld zur Kriminologie bereits früh für Fragen der Geschlechterforschung geöffnet. Schon die signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Kriminalstatistik haben kriminologische Forschung von Beginn an beschäftigt – auch wenn die dabei häufig vertretene Annahme einer starren Aufteilung in männliche Täter und weibliche Opfer stets kritisch zu hinterfragen war. Noch relevanter scheint aber, dass Kriminalisierung und Kriminalitätsbekämpfung nicht ohne Bezugnahme auf wesentliche Grundfragen der Legal Gender Studies thematisiert werden können: Hierzu gehören Fragen der Herstellung von Geschlecht durch Kriminalisierungsprozesse ebenso wie der Trennung von öffentlichem und privatem Raum als Hindernis bei der Strafverfolgung von ‚privater’ Gewalt, aber auch die verborgene Geschlechtsspezifik von Strafrechtsnormen, bspw. bei Tötungsdelikten, und der institutionelle Umgang mit ‚Geschlecht’, sei es im Strafvollzug oder in den Institutionen der Strafverfolgung.

Programm zum Download

Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Um eine formlose Anmeldung an Frau Traute Krösche (traute.kroesche@uni-hamburg.de) zur besseren Planung wird gebeten.

 

Themen und Referent*innen

I. Eröffnung und Begrüßung (9.00-9.15 Uhr, Raum EG 18/19)

Jun.-Prof. Dr. Ulrike Lembke, Prof. Dr. Florian Jeßberger, Prof. Dr. Peter Wetzels

 

II. Eröffnungsvortrag (9.15-10.15 Uhr, Raum EG 18/19)

„Strafrecht, Kriminalität und Geschlecht: Wo bleibt die männliche Hexe?“  

Warum gab es so wenig männliche Hexen?  War um 1900 der Anteil weiblicher Straftäter höher oder niedriger als heute? Der Ladendiebstahl – typisch weiblich?  Sind Frauen oder Männer häufiger Opfer von tödlicher Gewalt?  Die überraschenden Antworten auf diese Fragen geben uns Einblicke in die Geschlechterverhältnisse im Strafrecht, und neue Perspektiven auf Kriminalität und Gewalt. Und sie zeigen, dass viele auch heute noch weit verbreitete Vorstellungen zum Thema „Frauen und Kriminalität“ der wissenschaftlichen Analyse nicht standhalten.

Prof. Dr. Susanne Karstedt (University of Leeds)

 

III. Workshops (10.30-12.30 Uhr, Raum A131, EG 18/19, BG 8)

Kindstötung: Mütter als Täterinnen

In Debatten über Tötungsdelikte an Kindern, insbesondere wenn sie noch sehr klein sind, wird sehr häufig implizit davon ausgegangen, dass Täterinnen die Mütter sind. Dies trifft indes nur bei bestimmten Untergruppen zu. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Mütter tatsächlich bei Tötungsdelikten an Kindern spielen. Hierbei liegt der Fokus auf dem Versuch einer differenzierten Beschreibung der Täterinnen, in den Blick genommen wird aber auch die Frage nach der Thematisierung der Mutterrolle in der öffentlichen Diskussion und im Kontext der Strafzumessung.

Prof. Dr. Theresia Höynck (Universität Kassel)

Geschlechtsspezifische Kriminalitätsunterschiede: Was verrät die Kriminalstatistik wirklich?

Der Blick in die Kriminalstatistik scheint es zu bestätigen: „Kriminalität ist männlich“. Gerade im Bereich der Gewaltkriminalität sind Männer nicht nur weitaus häufiger Täter, sondern auch Opfer. Allerdings steigt die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen (2010: 25%) wie der weiblichen Verurteilten kontinuierlich an. Insbesondere im Bereich der leichten Eigentumsdelikte sind Zunahmen zu verzeichnen, so dass die Tatverdächtigen­belastungsziffer der weiblichen Bevölkerung zwischen 14 und 16 Jahren bei einem Bagatelldelikt wie dem einfachen Ladendiebstahl die der männlichen Tatverdächtigen inzwischen übersteigt. Diese zunehmende Frauenkriminalität in einigen Deliktsbereichen wird nicht selten mit der Geschlechtergleichstellung assoziiert und als „dark side of female liberation“ bezeichnet. Im Workshop soll erörtert werden, wie es um die Kriminalitätsunterschiede zwischen Männern und Frauen bestellt ist und wie sich verändernde Geschlechtsrollen sich weiter auf die Kriminalität auswirken können.

Jun.-Prof. Dr. Stefanie Kemme (Universität Hamburg)

„Frauenrechte“ als Feld des „Kulturkampfes“ am Beispiel von Ehrenmorden und Zwangsehen

Nach neuerer höchstrichterlicher Rechtsprechung lässt das deutsche Strafrecht bei Ehrenmorden die Berücksichtigung des fremdkulturellen Hintergrunds des Straftäters nicht zu. Begründet wird dies unter anderem mit dem Verweis auf die Opfergerechtigkeit: von Ehrenmorden sind fast ausschließlich Frauen betroffen. Eine ähnliche Argumentationslinie zieht sich durch die Motive und die Entstehungs-geschichte des noch jungen Straftatbestands über die Zwangsheirat (§ 237 StGB). Die paradigmatische Bestrafung von (männlichen) Tätern dieser Delikte soll also in fremden Kulturen zu verortende untragbare Geschlechterordnungen durchbrechen und somit ein mindestens mittelbares Emanzipationspotential bergen. Ein kritischer Blick auf die dazugehörigen Diskurse zeigt jedoch, wie die Skandalisierung „fremdkultureller“ Normenordnungen wesentlich dazu benutzt wird, die ethische Überlegenheit der deutschen Rechtsordnung zu bekräftigen und gleichzeitig von geschlechtsbezo-genen Ungleichheiten in dieser selbst abzulenken. Im Workshop wollen wir Diskurse erkennen und analysieren und über das schwierige Verhältnis zwischen der Anerkennung kultureller Differenz im (Straf)Recht und Frauenrechten ins Gespräch kommen.

Dr. Georgios Sotiriadis (Universität Bremen) 

 

IV. Workshops (13.30-15.30 Uhr, Raum A131, EG 18/19, BG 8)

Frauenkriminalität als paradoxe Anwendung des Strafrechts  

Das Thema ‚Frauen und Kriminalität‘ wird in der Öffentlichkeit, aber auch in der Wissenschaft über-wiegend mit weiblichen Opfern von Gewalt oder mit weiblichen Gewalttäterinnen (Abtreibung, Kindstötung, Partnertötung) assoziiert. Allerdings sind weniger als 20% der Frauen wegen Gewalt-delikten verdächtig; der weitaus größeren Zahl werden Eigentums- und Vermögensdelikte vorgeworfen. Mit diesem – vergessenen – Teil weiblicher ‚Kriminalität‘ befasst sich der Vortrag, und dadurch auch mit der Konstruiertheit von Frauenkriminalität durch die (feministische) Wissenschaft selbst.

Prof. Dr. Dagmar Oberlies (FH Frankfurt/Main)

Das „wahre Geschlecht“: Ursachen und Prävention transphober Gewalt

Gemeinhin existieren in dieser Gesellschaft nur Frauen und Männer. Geschlechter jenseits eindeutiger Männlichkeiten und Weiblichkeiten werden sozial und rechtlich weitestgehend nicht anerkannt. Im Alltag lösen geschlechtlich nonkonforme Existenzweisen wie z.B. Transgender, Transsexuelle, intergeschlechtliche Personen oder Crossdresser_innen, die sichtbar werden, bei den Betrachter_innen noch immer Verwunderung, Faszination, Verunsicherung und Ablehnung aus. In dem Workshop werden ausgewählte Diskriminierungs- und Gewaltwiderfahrnisse ‚geschlechtlich nonkonformer‘ Personen in ihrer Alltäglichkeit dargestellt und gemeinsam analysiert. Dabei werden die Bedingungen und die rechtlichen Grundlagen dieser Diskriminierung und Gewalt erarbeitet.

Ines Pohlkamp (Gender Institut Bremen)

Stalking: Strafrecht gegen Gewalt in sozialen Nahbeziehungen

Mehr als die Hälfte der Stalking-Fälle resultieren aus (ehemaligen) Intimbeziehungen und stehen im Zusammenhang mit einer Trennung oder nicht (mehr) erwiderten Beziehungswünschen. In diesem Workshop werden aktuelle Forschungsergebnisse zu Verbreitung und Formen des Stalking, den Täter-Opfer-Konstellationen sowie der subjektiven Bewertung des Verhaltens seitens der Betroffenen vorgestellt und vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Fragestellungen diskutiert. Weitere Aspekte werden die Schwierigkeit einer (strafrechtlichen) Definition des Stalking sein sowie die Frage, inwiefern das Strafrecht geeignet ist, in Fällen von Stalking zu intervenieren.

Dr. Lena Stadler (Universität Hamburg)

 

V. Workshops (16.00-18.00 Uhr, Raum A131, EG 18/19, BG 8)

Strafvollzug für Frauen und für Männer

Nur ein Bruchteil der Gefangenenpopulation ist weiblich, in Europa sind es ca. 5%. Strafvollzug für Frauen wurde auch deshalb lange Zeit als reines Anhängsel des „Normalvollzugs“ angesehen, was sich zB daran zeigt, dass Frauen in Deutschland häufig in einer relativ kleinen Abteilung einer großen Anstalt für Männer untergebracht sind, aber nicht – anders als andere besondere Gruppen im Strafvollzug – an den Ressourcen des Regelvollzug teilhaben können. Erst seit einigen Jahren werden Frauen im Strafvollzug als Gruppe wahrgenommen, die man nicht einfach mitlaufen lassen kann, sondern für die es eigener Konzepte bedarf. Im Workshop wird es vor allem um die Besonderheiten des Strafvollzugs an Frauen in Abgrenzung vom Männervollzug gehen; es werden Hintergrundinformationen und neuere Erkenntnisse aus der Forschung mitgeteilt.

Prof. Dr. Kirstin Drenkhahn (Freie Universität Berlin)

Sexualisierte Gewalt vor Internationalen Strafgerichtshöfen

Die in kriegerischen Auseinandersetzungen von den Konfliktparteien systematisch eingesetzte sexualisierte Gewalt spielt vor internationalen Strafgerichten eine nur untergeordnete Rolle. Lang Zeit völlig tabuisiert wurde diese Gewaltform erst in der Rechtsprechung der Tribunale für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda zögerlich berücksichtigt. Im Statut des im Jahre 2002 errichteten Internationalen Strafgerichtshofs sind erstmals Tatbestände sexualisierter Kriegsgewalt kodifiziert. Doch obwohl sexualisierte Gewalt in den gegenwärtig stattfindenden bewaffneten Konflikten regelmäßig als Teil der Kampfstrategie eingesetzt wird, weist ihre praktische Aufarbeitung durch internationale Strafgerichte weiter erhebliche Defizite auf. In dem Workshop wird zunächst die Entwicklung der strafrechtlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt vor internationalen Strafgerichten thematisiert, bevor die bestehenden Schwierigkeiten und Defizite diskutiert werden.

Dr. Julia Geneuss, LL.M. (Universität Hamburg)

 

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Der Studientag wird gefördert von der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg, dem Frauenförderfonds der Universität Hamburg sowie der gemeinsamen Kommission für Frauenstudien, Frauen- und Geschlechterforschung, Gender und Queer Studies der Hamburger Hochschulen.

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