Ringvorlesung Gender Studies „Recht und Geschlecht“

Datum & Uhrzeit: 5. Dez 2017 , 18:30 Uhr
Veranstaltungsort: Juridicum Dachgeschoß (Top floor) » Wo ist das?

 

Ines Rössl und Petra Sußner: Flucht in die Kategorie: Gender und sexuelle Orientierung im Flüchtlingsrecht

Das Flüchtlingsrecht knüpft an menschenrechtliche wie diskriminierungsrechtliche Grundgedanken an. Über seine dynamische Weiterentwicklung ermöglicht es die Berücksichtigung komplexer Gefährdungen auch in Zusammenhang mit Geschlecht und sexueller Orientierung. Seine Kategorien scheinen gegenüber einem elastischen und intersektionalen Verständnis bemerkenswert offen. Die Asylrechtsprechung ist in ihrer Handhabung allerdings vielfach inkonsistent. Wie kommt es, dass bestimmte Fallkonstellationen viel eher die Chance haben, als asylrelevant anerkannt zu werden, als andere?

Der Vortrag führt zunächst in die Grundlagen von Geschlecht und Sexualität im Flüchtlingsrecht ein. Darauf aufbauend diskrutieren wir anhand praktischer Beispiele unterschiedliche Arten kategorialer Bezugnahme und deren normative Implikationen. Welchen Unterschied macht es, ob Verfolgung als politische Verfolgung oder als Verfolgung aufgrund einer bestimmten sozialen Gruppe konzipiert wird? Welche Rolle spielt Heteronormativität als mehrdimensional verfasstes Erwartungs- und Ordnungsregime? Inwieweit vermittelt die flüchtlingsrechtliche Dichotomie von Verfolgung und Schutz (I)llegitimität von Gewalt?

Petra Sußner ist Dissertantin am Institut für Rechtsphilosophie. Zuletzt absolvierte sie im Rahmen des Migration Law Research Programme Forschungsaufenthalte an der Freien Universität Amsterdam und war Stipendiatin des Initiativkollegs Gender, Violence and Agency in the Era of Globalization an der Universität Wien. Neben ihrer universitären Tätigkeit war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Österreichischen Verwaltungsgerichtshof beschäftigt, hat in der Parteienvertretung gearbeitet und ist Obperson der Vereins Queer Base, Welcome and Support for LGBTIQ Refugees. Ab April 2018 wird sie im Rahmen der ForschungsgruppeRecht – Geschlecht – Kollektivität: Prozesse der Normierung, Kategorisierung und Solidarisierung (DFG) in Berlin tätig sein.

Ines Rössl ist seit Oktober 2017 Universitätsassistentin (Prae-Doc) am Institut für Rechtsphilosophie der Universität Wien. Sie war u.a. als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an der Universität Wien und als Rechtsanwaltsanwärterin mit Spezialisierung auf Asylrecht sowie als Universitätsassistentin am Institut für Legal Gender Studies der Johannes Kepler Universität Linz tätig. Sie ist zudem langjähriges Redaktionsmitglied der Zeitschrift „juridikum. zeitschrift für kritik | recht | gesellschaft“.

Zur Ringvorlesung:

Die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts war nie ein bloßes soziales Phänomen. Vielmehr wurde (und wird) sie durch Recht normativ abgesichert und „legitimiert“. Schon aus diesem Grund musste eine Politik der Geschlechtergleichstellung immer auch Rechtspolitik sein, ging es doch darum, rechtliche Benachteiligungen abzubauen und im Weiteren das Recht als Medium zur Gleichstellung einzusetzen. Schließlich ist Recht ein bedeutendes Mittel zur Steuerung der Gesellschaft; es ist demokratisch legitimiert, auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet und wird in institutionalisierter Weise durchgesetzt.

Die Vorträge der Ringvorlesung widmen sich der Frage, ob solche Hoffnungen berechtigt sind. Dabei wird zunächst ideengeschichtlich angesetzt: Im Rahmen einer umfassenden Geschlechterhierarchie wurde „Frau sein“ zunächst gar nicht als mit der aufklärerischen Idee freier Entfaltung vereinbar gesehen – unter Berufung auf die Natur der Geschlechter ebenso wie auf die ihnen zugeschriebenen typischen Räume, Öffentlichkeit und Privatheit. Diese Dichotomie ist auch ein zentraler Faktor für mangelnde Berücksichtigung von Frauenrechten als Menschenrechten, da wesentliche – im Privaten liegende – Gefährdungslagen gar nicht wahrgenommen werden konnten. Neue Komplexitäten der Wahrnehmung von Geschlecht wie von weiteren, mit dem Geschlecht verwobenen Diskriminierungsgründen werden im menschenrechtlichen Kontext, im europäischen Antidiskriminierungsrecht, aber auch im Flüchtlingsrecht untersucht. Und schließlich wird die Frage der Rechtsfindung als Frage nach der Handlungsmacht von JuristInnen gestellt – und danach, in welcher Weise Strukturen der Rechtsfindung gendersensibel gestaltet werden können.

 

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