Ringvorlesung Gender Studies „Recht und Geschlecht“

Datum & Uhrzeit: 21. Nov 2017 , 18:30 Uhr
Veranstaltungsort: Juridicum Dachgeschoß (Top floor) » Wo ist das?

 

Christa Tobler: Geschlechterdiskriminierung im Europarecht in Gemengelagen mit anderen Gründen

Seit langem kennt das Recht der EU das vor allem wirtschaftsrechtliche Verbot der Diskriminierung wegen der Staatsangehörigkeit und das Verbot der Diskriminierung wegen des Geschlechts, das meist dem Sozialrecht zugeordnet wird. Erst später kamen die Diskriminierungsgründe der sexuellen Ausrichtung, der Rasse, der ethnischen Herkunft, der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung und des Alters hinzu. Wie aber spielen sie mit dem Geschlecht zusammen? Die Vorlesung bietet einen knappen Überblick über die relevante Gesetzgebung und wendet sich sodann der intersektionellen Diskriminierung zu, wo das Problem in einer Kombination von Gründen liegt, wo also z.B. die benachteiligende Behandlung ausschließlich Frauen in fortgeschrittenem Alter trifft. Rechtliche Schwierigkeiten können sich aber auch in anderen Fällen von Mehrfachdiskriminierung ergeben.

Christa Tobler ist Professorin für das EU-Recht bzw. das Recht der europäischen Integration an den Universität Leiden (Niederlande) und Basel (Schweiz). Sie ist Expertin der Europäischen Kommission im Opens external link in new windowEuropean Equality Law Network). Ihre Habilitation widmete sich der Entstehung des Rechtsbegriffs der indirekten Diskriminierung im damaligen EG-Recht. Im Bereich der Lehre ist sie Mitbegründerin des Opens external link in new windowEU Law in Charts Project.

Zur Ringvorlesung:

Die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts war nie ein bloßes soziales Phänomen. Vielmehr wurde (und wird) sie durch Recht normativ abgesichert und „legitimiert“. Schon aus diesem Grund musste eine Politik der Geschlechtergleichstellung immer auch Rechtspolitik sein, ging es doch darum, rechtliche Benachteiligungen abzubauen und im Weiteren das Recht als Medium zur Gleichstellung einzusetzen. Schließlich ist Recht ein bedeutendes Mittel zur Steuerung der Gesellschaft; es ist demokratisch legitimiert, auf die Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet und wird in institutionalisierter Weise durchgesetzt.

Die Vorträge der Ringvorlesung widmen sich der Frage, ob solche Hoffnungen berechtigt sind. Dabei wird zunächst ideengeschichtlich angesetzt: Im Rahmen einer umfassenden Geschlechterhierarchie wurde „Frau sein“ zunächst gar nicht als mit der aufklärerischen Idee freier Entfaltung vereinbar gesehen – unter Berufung auf die Natur der Geschlechter ebenso wie auf die ihnen zugeschriebenen typischen Räume, Öffentlichkeit und Privatheit. Diese Dichotomie ist auch ein zentraler Faktor für mangelnde Berücksichtigung von Frauenrechten als Menschenrechten, da wesentliche – im Privaten liegende – Gefährdungslagen gar nicht wahrgenommen werden konnten. Neue Komplexitäten der Wahrnehmung von Geschlecht wie von weiteren, mit dem Geschlecht verwobenen Diskriminierungsgründen werden im menschenrechtlichen Kontext, im europäischen Antidiskriminierungsrecht, aber auch im Flüchtlingsrecht untersucht. Und schließlich wird die Frage der Rechtsfindung als Frage nach der Handlungsmacht von JuristInnen gestellt – und danach, in welcher Weise Strukturen der Rechtsfindung gendersensibel gestaltet werden können.

 

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